Havanna: Der Verfall eines Kulturerbes
In der historischen Altstadt von Havanna, bekannt als La Habana Vieja, sieht es nicht gut aus. Die kolonialen Gebäude, die einst mit Stolz und Eleganz prangten, sind heute dem Verfall preisgegeben. Überfüllung, mangelnde Wartung und, ganz ehrlich, eine ordentliche Portion Vernachlässigung tun ihr Übriges. Manchmal, beim Gehen auf dem Gehweg, fühlt man sich wie in einem Horrorfilm – die Gefahr von einstürzenden Balkonen und Wänden ist allgegenwärtig. Viele der Einwohner leben in unterteilten Wohnungen, die seit der Revolution 1959 kaum erneuert wurden. Die Zustände sind oft erbärmlich, und das hat Auswirkungen auf die Gesundheit der Bewohner. Feuchtigkeit und das Fehlen von fließendem Wasser sind an der Tagesordnung.
Ein tragisches Beispiel ist die Geschichte von Marnie Estevez, deren Familie in Centro Habana von einem Sturm betroffen war. Ein Teil des Treppenhauses in ihrem Wohnhaus brach zusammen, und sie und ihre Familie wurden auf der dritten Etage eingeschlossen. Ein Einsatz der Feuerwehr war nötig, um ihre 97-jährige Großmutter mit einem Kran zu retten. Nach diesem Vorfall lebte die Familie in einer beengten Zwei-Zimmer-Wohnung, während die ältere Generation in einem Hostel untergebracht werden musste. Ähnliche Schicksale erleiden mittlerweile viele Menschen in der Stadt, die aus ihren Häusern vertrieben wurden – sogar neun Familien leben in einem Boxgym, umgeben von provisorischen Wänden aus Karton. Die Zahl der benötigten Wohnungen in Kuba wird auf über 900.000 geschätzt, ein Umstand, der durch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, verstärkt durch die von den USA verhängte Treibstoffblockade, noch dramatischer wird. Ein besorgniserregender Trend, der sich in den letzten Jahren immer weiter verschärft.
Die Gefahren des Verfalls
Ein weiterer Vorfall, der die angespannte Lage verdeutlicht, ist der teilweise Gebäudeeinsturz am Dienstagnachmittag in der Muralla-Straße. Ein maroder Balkon brach zusammen – glücklicherweise war die Straße zu diesem Zeitpunkt leer. Anwohner sind verständlicherweise besorgt über den Zustand der Gebäude in dieser historischen Gegend, die oft über 100 Jahre alt sind. Man könnte sagen, die Stadt hat sich ein Stück weit selbst aufgegeben. Trotz der Tatsache, dass im Jahr 2020 drei Mädchen durch einen Balkon-Einsturz ums Leben kamen, scheinen die Behörden oft langsam zu reagieren. Die Rehabilitation alter Gebäude konzentriert sich meist auf touristische Bereiche oder Projekte für ausländische Investitionen, während die echten Probleme bleiben, wo sie sind.
Die Frustration der Bewohner ist spürbar. Viele äußern sich über leere Versprechungen und das Gefühl der Vernachlässigung. Die Häufigkeit von Einstürzen hat in den letzten Jahren zugenommen, und das ist nicht nur in Alt-Havanna zu beobachten. Der strukturelle Verfall ist weit verbreitet, und die Menschen sind sich dessen bewusst. Sie wissen, dass die Ursache oft in unzureichender Wartung und der aktuellen wirtschaftlichen Krise liegt.
Ein Kulturerbe in Gefahr
La Habana Vieja selbst ist ein UNESCO-Weltkulturerbe, das seit 1982 unter dem Schutz der internationalen Gemeinschaft steht. Doch auch das historische Herz der kubanischen Hauptstadt steht vor großen Herausforderungen. Die Altstadt, die im Jahr 1519 gegründet wurde und einst ein wichtiger Stützpunkt für spanische Galeonen war, ist heute ein Schatten ihrer selbst. In den letzten Jahrzehnten gab es zwar Restaurierungsprogramme – vor allem zur Entwicklung des internationalen Tourismus – doch viele Gebäude verfallen weiter. Die beeindruckende Architektur, die an Cádiz und Teneriffa erinnert, ist das Resultat einer reichen Geschichte, die durch den Verfall bedroht ist.
Die Kathedrale von Havanna, die Plaza de Armas und viele andere historische Stätten sind Zeugen einer Vergangenheit, die heute in Gefahr ist. Während Touristen durch die malerischen Gassen bummeln und die Schönheit der alten Gebäude bewundern, kämpfen die Bewohner um ihr tägliches Überleben. Der Kontrast könnte nicht größer sein.
